Mitarbeitertipp des Monats

Laura Freudenthaler:

Die Königin schweigt 

Die hochbetagte Fanny erhält von ihrer Enkelin ein Notizbuch, um darin ihre Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Aufschreiben, das ist nicht ihre Sache, jedoch löst es in ihr, einer Frau, die immer aufrecht, stolz und unnahbar durch ein Leben voller Verluste ging, viele Erinnerungen aus.
In kurzen Abschnitten wird erzählt von der Kindheit auf einem einsamen Hof, vom Dorfleben, vom sittenstrengen Vater, dem Bruder, der einmal der Hoferbe sein soll, der häuslichen Mutter. Der Krieg verändert die Pläne. Als einzige junge Schülerin unter lauter Männern lässt der Vater sie die Handelsschule besuchen. Schließlich heiratet sie einen Lehrer und nimmt damit eine herausragende Rolle im Dorfleben ein. Sie sorgt für tägliche Schulspeisungen, hört sich die Nöte der Frauen an und nimmt die elternlose Hanna in ihre Familie auf. Auch bekommt sie einen Sohn, doch das Leben hält viele schicksalhafte Wendungen für sie bereit.
Ein eindringliches Porträt einer Frau, die ein scheinbar unspektakuläres Leben führte, in dem sich jedoch die große Geschichte widerspiegelt und das auch am Schluss hochaktuell ist.
Die wunderbare poetische Sprache, intime und feinsinnige Beschreibungen von Natur und Seelenzuständen einer Frau mit all ihren Verpflichtungen, die Natur als Lebensraum und ruhender Pol, philosophische Gedanken und auch der ganz praktische Alltag machten dieses Buch für mich zu einem Leseerlebnis. Und was in Robert Seethalers Roman „Ein ganzes Leben“ für den Mann gilt, scheint hier auf kongeniale Art auf ein Frauenleben des letzten Jahrhunderts übertragen zu sein. 

Standort: Roman Freu

Hiltrud Klenk